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GESAMMELTE STÜCKE VON FALK RICHTER IN EINEM BAND



Alle Stücke von Falk Richter, Notizen und ein Vorwort von Katrin Ullmann. "Falk Richter seziert die Gegenwart, verdichtet sie zu analytischen, feinnervigen und berührenden Theaterstücken...


KALT UND KLAR IRONISCH UND HART NAH VERLOREN UND VERTRAUT
ÜBER DAS THEATER DES FALK RICHTER
Von Katrin Ullmann
Falk Richter seziert die Gegenwart, verdichtet sie zu analytischen, feinnervigen und berührenden Theaterstücken. Zielsicher greift er sich Phänomene aus Politik, Alltag, Medien und Gesellschaft. Zerlegt sie. Schärft, und serviert sie. Richter ist ein Autor aus dem Heute und Übermorgen, aus dem Jetzt und dem Danach. Seine Dramen sind aktuell, kritisch, analytisch und tieftraurig. Sind Montage und Fragment. Sind Realität und Kino. Sind Gedachtes und Erlebtes. Sind Politik und Poesie. Richters Sprache ist kalt und klar, ironisch und hart. Ist nah, verloren und vertraut.
Katrin Ullmann, Der Tagesspiegel

ALLE STÜCKE VON FALK RICHTER IN EINEM BUCH – S.-Fischer Verlag
Mit einem Vorwort von Katrin Ullmann
Falk Richter ist Regisseur, Übersetzer und Autor. „Ich wollte immer schreiben, immer schon Schriftsteller werden,“ sagt er selbst. In diesem Buch ist Richter vor allem Schriftsteller, oder, genauer gesagt, Dramatiker. Seit mittlerweile über zehn Jahren schreibt er Hörspiele und Theaterstücke.
Und Falk Richter inszeniert Theaterstücke, Hörspiele, Opern. Als Regisseur widmete er sich zunächst der Gegenwartsdramatik und dem zeitgenössischen Musiktheater. Erst in jüngerer Zeit begann er, auch klassische Theatertexte zu inszenieren, für die er – wie bei Anton Tschechows „Die Möwe“ während der Salzburger Festspiele 2004 – eine eigene Textbearbeitung vornimmt.
Richter ist also gleichermaßen Autor und Regisseur. Seine Arbeit als Regisseur beeinflusst, bedingt seine Arbeit als Autor. Und umgekehrt. Wenn Richter als Regisseur auf einen fremden Text trifft, ist oftmals die Fantasie des eigenen Schreibens sein Motor. Und Richters Theatertexte bewegen sich immer nah an der tatsächlich gesprochenen Sprache, manche von ihnen scheinen gar aus Erinnerungen an Proben-, an Schauspielerarbeit entstanden. Man kann also sagen, Richters Texte sind Ergebnis der Kommunikation zwischen Autor und Regisseur. Sind Produkte eines Autor-Regisseurs.
So habe ich ihn kennen gelernt. Als jemanden, der „sich“, seine eigenen Texte inszeniert. Im Herbst 1996 probte er den ersten Teil der Kult-Trilogie Portrait. Image. Konzept. Für eine Aufführung in den Hamburger Kammerspielen. Die Probebühne war der „Logensaal“ des Hauses. Richter probte das Stück mit Bibiana Beglau. Ich war damals Assistentin. Es gab weder einen Verleger, Kulturförderung, noch Pressearbeit. Die Plakate für die Aufführung klebten wir nachts auf Zäune, Mauern und in Bars. Portrait. Image. Konzept war ein Projekt. Eines das aus der Zusammenarbeit zwischen Falk Richter und Bibiana Beglau entstanden war. Die beiden hatten sich während des Studiums kennen gelernt, eine gemeinsame Sprache, einen eigenen Spielstil entwickelt.
Dass Falk Richter einen selbst verfassten Text inszenierte, war zu diesem Zeitpunkt eher ungewöhnlich. Armin Petras/Fritz Kater oder René Pollesch waren in der Theaterlandschaft bei weitem nicht so präsent wie jetzt. Und wenn man damals Schauspieltheaterregie in Hamburg studierte, wie Richter, inszenierte man eher Klassiker. Vorwiegend Szenen aus den Stücken, die Jürgen Flimm – damals Leiter des Instituts für Schauspieltheaterregie und Intendant des Thalia Theaters – gerade selbst inszeniert hatte. Die Aufführung von Portrait. Image. Konzept war entsprechend ungewöhnlich und verstörend. Richter präsentierte eine Art Bühnentext, die bislang fremd war. Er zeigte, so sagt er selbst: „die echte Auseinandersetzung mit unserem Leben und unserer virtuellen Wirklichkeit.“
Sicherlich steht die „virtuelle Wirklichkeit“ heute nicht immer im Zentrum seiner Stücke – im ständigen Fokus geblieben ist jedoch die Auseinandersetzung mit „unserem Leben“, mit der Gegenwart. Sie ist nach wie vor der dringende Ausgangspunkt seiner Arbeiten, die ich seither verfolge. Aus wechselnden Perspektiven: Als Assistentin, Dramaturgin, Freundin, Kritikerin. Oft sehen wir uns Monate lang nicht. Er rast durch die Welt – immer arbeitswütig – schreibt, inszeniert. Ich, in Hamburg, arbeite, schreibe über Theater. Dann treffen wir uns. Essen, reden trinken. Fahren irgendwohin aufs Land, in die heiter hügelige Heide, oder tauchen ab in dunkle Bars irgendwo in Sankt Pauli.
In Uraufführung von Portrait. Image. Konzept. spielte Bibiana Beglau jene irritierte Fernsehmoderatorin. „Das war endlich mal ein Text mit einer starken Haltung“, erinnert sich Beglau. Und manchmal war sie dann tatsächlich jene Frau, die eigentlich nach ihrer Identität sucht, und während ihrer Live-Moderation ganz privat und persönlich wird. Die Frau, die all den Quatsch abspult, den eine lustige Moderatorin daherplappern sollte, um irgendein junges Publikum zu unterhalten und um die Einschaltquoten zu erhalten. Die von Madonna erzählt, vom Scheinwerferlicht und von ihren Goldfischen. Zwischendurch ertappt sie sich selbst, beobachtet sich, ist verwirrt. Dann gerät sie aus der Spur und ist panisch auf der Suche nach ihrer eigenen Identität.
Bei den Proben war ich mir manchmal nicht mehr sicher, was Text, was Improvisation war, was privat, was literarisch war. War die Geschichte mit den Goldfischen echt? Oder erfunden? Oder war alles ein Spiel? Ich war, wie später die Zuschauer auch, irritiert davon, dass Richter persönliche Texte auf die Bühne holte, und so Bühne mit Realität, Realität mit Bühne verschränkte. „Die Leute haben es gesehen und gefragt, was ist das denn, das ist ja gar kein Theater!?“, erzählt Richter, der mit Portrait. Image. Konzept letztlich nicht nur das Medium Fernsehen, sondern auch das Theater mit seinen dort erschaffenen künstlichen, fiktionalen Welten untersucht.
Portrait. Image. Konzept. war ein enormer Erfolg und zugleich der Auftakt von Kult. Einer Stücketrilogie, in der Richter Moderation und Medienwelt, Sinn und MTV hinterfragt, die Methoden des Fernsehens auf die Bühne kopiert und dort entblößt. Dafür wirft er die Figuren in Section – dem zweiten Teil – in unterschiedlichste Fernsehserien- und Filmschicksale. Der Vorlagenkatalog reicht von Reality-Shows wie „Das Scheidungsgericht“ über Mainstream-Hollywoodkino bis hin zu Dialogen à la Godard, Bertolucci und Cocteau. Die beiden Hauptfiguren durchleben ihre Scheinidentitäten so lange, bis sich ihre Persönlichkeiten mehr und mehr auflösen. Unermüdlich zappen sie sich durch verschiedene, fiktionale Identitäten. Meist entschlossen, manchmal zögernd und fragend, und doch setzen sie stets, wie in einen Strudel geraten, ihr Spiel fort. Den Abschluss der Trilogie bildet Kult. Hier ist die ganze Welt eine „ultimative Show“ geworden, in dem die beiden Figuren („Er und Sie“) sich selbst in letzter Konsequenz zum Verkauf anbieten. Der Text ist eine rasante Abmoderation des Stückeblocks.
Diese ersten Theaterstücke beschreiben den energischen Aufbruch eines jungen Autors, eines Autor-Regisseurs in die Theaterlandschaft. Während der neunziger Jahre begann sich Richter als Autor und zugleich als Regisseur zu behaupten. Statt Klassiker auf die Bühne zu bringen, inszenierte er Gegenwartsdramatik oder schrieb selbst über das, was ihn bewegte: über aktuelle, gesellschaftliche. politische Themen. Und oftmals inszenierte er seine Stücke selbst. Allzu gerne nannte man Richter anfangs einen „Popautor“. Und nahm seine Stücke, die sich mit der Eindimensionalität und Oberflächlichkeit der Medien bzw. der Gesellschaft auseinander setzen und diese karikieren, als eindimensionale „Poptexte“ wahr. Eine Zuordnung, die in Bezug auf Richters erste Stücke, aber vor allem auch auf Richters weitere Entwicklung nicht haltbar ist.
Richters Themenspektrum reicht von verlorenen Identitäten über die verirrte Medienwelt bis hin zu Krieg und Politik. Seine Stücke haben alle einen gemeinsamen Fokus: den direkten Bezug zur Gegenwart. Das schnellstmögliche Aufgreifen und Theatralisieren gesellschaftlicher Tendenzen und Strömungen. Ergebnisse dieser Arbeitsweise sind Alles. In einer Nacht genauso wie Gott ist ein DJ, Nothing Hurts, Peace, Sieben Sekunden – in God we trust oder Unter Eis.
In Alles. In einer Nacht fokussiert Richter die Einsamkeit des Einzelnen in der Gesellschaft. In sich selbst und ihrer Einsamkeit gefangen sucht, versucht eine junge Frau, eine geeignete, möglichst coole Form für ihre Situation zu finden. Sie übt Kommunikation, indem sie Filmszenen nachspricht und „versucht, darin wirklich zu sein“. Es ist das Portrait einer jungen Frau, die ziellos im Taxi herumfährt, verlassen im Hotelzimmer sitzt oder ihre eigene Leere als dramatischen Film inszeniert.
In diesem Monolog zeichnet Richter das Entstehen und sofortige Auflösen von Identitäten. Sie entstehen und vergehen durch die Kombination von Geschichten, Texten, Bildern und Filmen. Letztlich beschreibt Richter ein Fragment von Leben. Eines, das den gesellschaftlichen Vereinbarungen nicht entsprechen will oder kann. Dabei stellt er immer wieder die Frage nach der Bewertung von Wahrheit und Fiktion. Von erdachtem und wirklichem Leben.
1999 schreibt Richter Gott ist ein DJ, ein Stück, in dem er das „echte Leben“ auf der Bühne ausstellt, „Trash und Kunsthalle“ präsentiert. Eines, das er selbst am Staatstheater Mainz uraufführt. Dieser Text ist Richters internationaler Durchbruch. Mittlerweile in mehr als 15 Sprachen übersetzt, wird er regelmäßig, weltweit aufgeführt. In dem Text inszeniert ein Paar („ER und SIE“) sein Leben als Performance, vermarktet seine Gewohnheiten und seinen Alltag. Gott ist ein DJ ist die „Big Brother-Show“ eines Künstlerpärchens; zu einem Zeitpunkt, als die eigentliche „Big-Brother-Show“ noch nicht durchs Fernsehen flimmerte.
Nonstop sind die beiden Figuren umgeben von Kameras, die ihre Handlungen live ins Internet übertragen. Die beiden bewegen sich innerhalb einer gemeinsamen Spielvereinbarung, performen ihr Leben, sind Darsteller ihrer selbst. Sie stellen Fragen zu Politik, Medien und Gesellschaft, wie etwa: „Was ist deutsch? Was ist Europa? Was macht das Millennium mit uns?“ und immer wieder die – zentrale – Frage: „Was ist echt, was nicht?“ Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Die Suche nach Authentizität bleibt bei Richter die große Sehnsucht der Figuren, die sich immer wieder neu erfinden und neu inszenieren. Mit diesem Text spürt Richter eine gesellschaftliche Strömung voraus: die exhibitionistische, möglichst authentische Reality-Inszenierung im Fernsehen. Richter hinterfragt Live-Art- und Klubkultur, „intellektuelle“ Präsentation lebender Kunstobjekte sowie deren Vermarktung und Instrumentalisierung durch die Medien. Er entlarvt den modernen Menschen der Jahrtausendwende als taumelndes Chamäleon, skizziert ihn als Patchworkergebnis zahlreicher Wunschidentitäten.
In Nothing Hurts - eingeladen zum Theatertreffen Berlin 2000 und ausgezeichnet mit dem Hörspielpreis der Deutschen Akademie der Künste in Berlin 2001 – benennt Richter (auch diesmal ist er zugleich Autor und Regisseur) die Figuren mit den Namen der an der Uraufführung mitwirkenden Schauspieler (Sylvana Krappatsch/ Bibiana Beglau). Dabei fügt er ihnen neue Identitäten/ Lebensaufgaben zu und vermischt so erneut Fiktion mit Theater, Privates mit Bühnenspiel.
Die Figur „Sylvana K.“ ist eine Regisseurin, die einen Film über die Verschmelzung von Mensch und Motor gedreht hat. „Bibiana B.“ eine Journalistin, die darüber berichten will. Die beiden Figuren sind ständig unruhig unterwegs, inszenieren sich selbst und werden im Laufes des Textes von ihren eigenen Inszenierungen eingeholt, überholt. Mehr und mehr verschieben sich ihre Identitäten, gehen ineinander über, verschmelzen und verschwimmen miteinander. Bis die Rollenzuordnungen – und auch die Geschlechterzuordnungen – sich auflösen. Anfangs sind die beiden Hauptdarstellerinnen Filmemacherin und Journalistin, dann Liebende, später wieder Fremde in einer Bar. In einer technisierten Welt versuchen sie, ihrer inneren Verzweiflung eine Kunstform zu geben. Auf der Suche nach Nähe, scheitern sie an mangelnder zwischenmenschlicher Kommunikation – auf der Suche nach einer Selbstvergewisserung, provozieren sie Crashs und damit die Zerstörung, Zerlegung des eigenen Körpers, der eigenen Person.
Richter stellt in Nothing Hurts weder Chronologie, Kontinuität noch einen eindeutigen Kontext her. Stattdessen generiert er aus den ständig wechselnden Zuständen und Situationen der Figuren eine Dramaturgie des Irrealen. Und damit eine radikale Vermischung der Realitäts- und Fiktionsebenen – bis hin zu deren Auflösung. Die völlig vereinzelten Charaktere stolpern durch einen Rahmen. Einen, der die Szenen zusammenhält, einen „Raum für erschöpfte Körper, die nicht zur Ruhe kommen können“. Ihre Dialoge sind abgehackt und redundant. Sie stottern, stammeln und werden schließlich ruhig gestellt.
Der Krieg im Kosovo im Jahre 1999 und die aktive Teilnahme der deutschen Luftwaffe sind die elementaren Auslöser für Peace, für dessen Textrecherche Richter selbst auf den Balkan fährt. In dem so zeitgenössischen wie brisanten Text untersucht Richter vor allem das Phänomen der fingierten Wirklichkeit. Die Frage nach der Verwertung des Kriegs durch Medien und Gesellschaft steht dabei im Zentrum.
Das Stück spielt in einer Art „High-Tech-Lager, einer Durchgangswohnung irgendwo in Europa“. Dort wohnen Menschen mit zeitgemäßen Berufen, die alle zusammen ein „perfekt funktionierendes System“ ergeben, eine reibungslos funktionierende Infrastruktur. Immer reisefertig leben sie an der „Schnittstelle zwischen Realität und Funktion“ und versorgen sich gegenseitig mit Informationen und Material über den Krieg. Sie manipulieren Fotos, bereiten Erlebtes zu Gewinn bringenden Stories aus, kurz: Sie sind auf „Krisengebiete aller Art (…) spezialisiert.“ Sie bilden eine Agentur für Krisenvermarktung, deren perverser Alltag vielleicht realer ist, als man glauben mag und deren verfälschte Berichterstattung zu realen Reaktionen führt. Im Laufe des Textes geraten die Figuren immer wieder in Erklärungsnot, versuchen Haltung zu beziehen zur politischen Situation, zum Medien- und Publikationssystem vom Krieg. Dabei taumeln sie zwischen diffuser Sehnsucht nach zwischenmenschlicher Nähe und animalischer Begierde.
Indem Richter in Peace käuflichen Journalismus und manipulierte Kriegesberichterstattung an einem konkreten Beispiel durchleuchtet, erfährt seine Suche nach den Grenzen zwischen Schein und Sein eine weitere, (gesellschafts-)politische Dimension. Neben der zentralen Medienkritik, bildet Richter die Haltungslosigkeit in Deutschland ab und damit die Tendenz einer Entpolitisierung der Gesellschaft. Richters Uraufführung des Stücks – im Frühsommer 2000 an der Berliner Schaubühne – löste eine große Kontroverse aus. Text und Inszenierung hatten eine politische und gesellschaftliche Dimension erreicht, die in der Presse heftig diskutiert wurden. Richter aktives Einschalten in das öffentliche, politische Leben, seine Kritik an der Regierungspolitik, sein Einmischen in eine aktuelle innerpolitische Debatte, wurden nicht nur diskutiert, sondern auch stark angegriffen: Ergebnisse der unbequemen Erkenntnis, dass in Richters Schreiben eine direkte politische Auseinandersetzung stattgefunden hatte.
In Electronic City lotet Richter erneut die Grenzen zwischen Realität und Fiktion aus. Er porträtiert das Leben zweier Menschen in einer hoch modernen Welt. Die beiden Hauptfiguren, „Tom und Joy“, setzen in verschärfter Form die Paarsituation aus Gott ist ein DJ fort. Sie sind vernetzt und doch verloren. Mehr oder weniger erfolgreich sind sie hoch modern und global im Geschäft und doch unerreichbar. Zwischen Zahlen, Codes und anonymen Funktionsräumen irren sie von Meeting zu Meeting, von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz, von Hotelzimmer zu Hotelzimmer. Tom ist einer von vielen Managern „am Ende der Welt“, Joy eine „Standbykraft“ an der Infrarotscannerkasse irgendeiner Flughafenlounge. Beide leben in einer Welt, in der keine Pannen passieren dürfen. In dieser kompliziert codierten Umgebung führen sie eine absurde Fernbeziehung. Darüber hinaus werden sie von einem „Team von etwa 5-15 Menschen“ beobachtet, gefilmt und inszeniert.
Durch diese weitere Ebene hebt Richter die Grenzen zwischen Figur, Rolle und Person schrittweise auf, stellt die Grenzen zwischen Realität und Fiktion in Frage. Ist die Geschichte von Joy und Tom echt? Ist sie inszeniert? Oder nachgedreht? Richter karikiert nicht nur eine global vernetzte Funktionswelt, sondern treibt darüber hinaus sein Verwirrspiel vom Schein und Sein auf die Spitze.
Die mediale Mobilisierung eines Volkes für den Krieg und die vorangehende Hysterisierung der Öffentlichkeit, also: Der Weg zum Krieg und der Krieg selbst – bzw. sein realer Alltag – sind Thema in Sieben Sekunden – (In God we trust). Richter schildert darin den Lebensalltag eines Jagdbombers, der über einem fernen Land seine tödliche Ladung abwirft und gleichzeitig Teil einer ganz normalen, amerikanischen Familie ist. Er ist Vater von Donut essenden Kindern und Ehemann einer Gott gläubigen Frau. Richter personifiziert die Alltäglichkeit der Waffenvernichtung und überzeichnet sarkastisch das amerikanische Vertrauen in eine Gott gegebene Mission während des Irak-Kriegs. Er geht über die Dokumentation des Alltäglichen noch hinaus und kommentiert den Text mit einem abschließenden Gespräch zweier „Rezipienten“. Enttäuscht diskutieren sie die vorab geschilderte „Eintönigkeit der Massenvernichtung“. Massen eignen sich eben nicht zur Identifikation. Ein Epilog, der die weit verbreitete, öffentliche Gleichgültigkeit auf den Punkt bringt. Der Text entsteht Ende 2002/Anfang 2003; noch vor dem offiziellen Kriegsbeginn seitens der USA.
Mit Das System widmet sich Falk Richter einem gezielt auf Aktualität bezogenen Arbeitsprozess, einem „work in progress“ an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin. Der Arbeitszyklus ist, wie auch Electronic City, mit „unsere Art zu leben“ untertitelt und bedient sich damit einer Äußerung Gerhard Schröders, der Einsatz der Alliierten im Nahen Osten verteidige auch „unsere Art zu leben.“ In den Jahren 2003 /2004 verschreibt sich der Autor Richter genau so wie der Regisseur Richter einer theatralen, gesellschafts- und medienkritischen Annäherung der „Frage nach dem System“. Einem „System, das sich nun in alles hineinschreiben will, jedes Land, jede Kultur als Niemandsland ansieht, als weiße, leere Fläche auf der Landkarte, als leeres Blatt, als leeres System, in das wir uns hineinschreiben müssen mit unserer Vorstellung von Freiheit, Geld und Demokratie“, oder konkreter: einer „Gesellschaft, die sich vom Zivilen zum Militärischen umrüstet in ihrer Bildersprache und deren Wirtschaftssystem im Kern ein kriegerisches ist.“
Richter macht es sich zur Aufgabe, das Verhältnis zu erforschen, das die Menschen seit dem 11. September 2001 zu ihrem eigenen System haben und erläutert: „Das „System“ ist ein Arbeitsprozess, ein Stück, das sich schreibt, während des Produktionsprozesses, alle Abende sind für sich stehende Abende, alle sind Teil der Frage nach dem System.“ In diesem Prozess entstehen – unter anderem – die Texte Deutlich weniger Tote, Hotel Palestine und Unter Eis.
Die zugleich lapidare und gespentisch anmutende Gesprächssituation in Deutlich weniger Tote reflektiert das Leben in einem fremd besiedelten, scheinbar befriedeten Gebiet. Doch das Leben dort ist letztlich nicht mehr als die Kapitulation vor einer Zwangsverordnung, vor einem fremden Gesellschaftssystem. Und es ist ein Leben, das versucht, mit einem allgegenwärtigen Notfall, einer stets anwesenden Katastrophe umzugehen.
In Hotel Palestine widmet sich Richter dem Verhältnis zwischen einem Nachrichtensystem und dem Irak-Krieg. Er bildet eine Pressekonferenz in Bagdad ab und damit den Dauerkampf zwischen kritischen Journalisten und bestens gebrieften Regierungssprechern. Es ist ein Kampf um Wahrheit und Unbestechlichkeit und Meinungsfreiheit und eine Suche nach ehrlichen Antworten innerhalb eines Systems, das undurchschaubar geworden ist. Einem System, in dem bestimmte Wahrheiten geschickt moduliert werden. In dem linkspolitische Positionen von einem neuen rhetorischen Sprachsystem verdreht werden. Es ist ein System, in dem die völlige Auflösung von Aussagen, Wahrheiten und Meinungen stattfindet.
Von Unternehmens-Consulting, Wirtschaftsberatern und einer erkalteten Gesellschaft erzählt Unter Eis. Während zwei der Berater – Karl Sonnenschein und Aurelius Glasenapp – permanent auf der Suche nach neuen Strategien zu Leistungsoptimierung und Effizienz sind, verliert sich der dritte und älteste Kollege, Paul Niemand, in Kindheitserinnerungen, Identitätsverlust und der Frage nach Sinn und Menschlichkeit. „Alles liegt unter Eis, nichts bewegt sich, alles steht still“ – so lässt Richter ihn den Zustand unserer Gesellschaft beschreiben. Doch Richter geht über eine McKinsey-Mimikry und eine platte Gut-Böse-Trennung hinaus. Und generiert etwa aus der nachvollziehbaren Kritik des Consulters Karl Sonnenschein an „einer vollkommen überdrehte(n) Mediendemokratie“ die totalitäre Vision von „einer anderen Welt“. Nahezu unmerklich wird die linkspolitisch besetzte Antiglobalisierungsparole „eine andere Welt ist möglich“ Teil eines radikalen Sprachsystems. Andernorts – in einem Monolog des Aurelis Glasenapp – hinterfragt Richter die all zu vertraute Frage nach dem Umgang und Verständnis von Kultur in der Gesellschaft. Und legt offen, dass die radikale und zunächst fremd wirkende Beraterfrage nach Effizienz und Wirtschaftlichkeit längst Teil der kulturpolitischen Diskussion geworden ist.
Richter jongliert in diesem Text mit der Ideologie, den Klischees und der anonymen, seelenlosen Sprache der Beraterbranche. Er verweist auf die Schwachstellen und Funktionslücken einer kapitalistisch orientierten und auf wirtschaftliche Effizienz ausgerichteten Gesellschaft und erstellt die finstere Vision einer immer unmenschlicher werdenden Welt.
Menschliche Isolation, Kommunikationsunfähigkeit, Kritik an Medien, Gesellschaft und Gewalt sind immer wiederkehrende Themen in Richters Schreiben. Oftmals sind seine Stücke bevölkert von irritierten Menschen in einer schwer irritierten Welt. Menschen, die sich begegnen, miteinander reden und doch unfähig sind, zu kommunizieren. Sie stottern und verlieren sich. Dann scheint es, als schreibe Richter ihnen die Sprache weg. So übertrieben wie realistisch, so verlassen wie verloren wirken seine Figuren, die mittendrin im Leben, inmitten einer selbst oder fremd gebauten Realität stecken. Einer Welt – oder auch einem System – in dem sie sich unablässig selbst inszenieren, neu erfinden oder behaupten.
Falk Richter seziert die Gegenwart, verdichtet sie zu analytischen, feinnervigen und berührenden Theaterstücken. Zielsicher greift er sich Phänomene aus Politik, Alltag, Medien und Gesellschaft. Zerlegt sie. Schärft, und serviert sie. Richter ist ein Autor aus dem Heute und Übermorgen, aus dem Jetzt und dem Danach. Seine Dramen sind aktuell, kritisch, analytisch und tieftraurig. Sind Montage und Fragment. Sind Realität und Kino. Sind Gedachtes und Erlebtes. Sind Politik und Poesie. Richters Sprache ist kalt und klar, ironisch und hart. Ist nah, verloren und vertraut.
Katrin Ullmann, Der Tagesspiegel

Falk Richter, geboren 1969 in Hamburg, ist freier Autor, Theater- und Opernregisseur und Übersetzer. Seit seiner ersten Inszenierung „Kult“ (Teil 1) 1994 arbeitete er als Autor und Regisseur u.a. in Hamburg, Amsterdam, Düsseldorf, Frankfurt, München, Atlanta, am Wiener Burgtheater, an der Berliner Schaubühne und am Schauspielhaus Zürich. Sein Stück „Gott ist ein DJ“ liegt in mehr als 15 Übersetzungen vor und wird weltweit gespielt. Im Jahr 2000 wurde Richter mit der Uraufführung seines Stückes „Nothing hurts“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Von 2000-2003 war er Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich, 2004 realisierte er den Stückezyklus DAS SYSTEM (darin u.a.: SIEBEN SEKUNDEN, UNTER EIS, HOTEL PALESTINE, ELECTRONIC CITY) an der Berliner Schaubühne. Für die Salzburger Festspiele inszenierte er 2004 eine Bearbeitung von Anton Tschechows „Die Möwe“.
Seit November 2004 ist "Falk Richter - DAS SYSTEM Materialien Gespräche Textfassungen zu UNTER EIS" (hrsg. Anja Dürrschmidt / Verlag Theater der Zeit) im Buchhandel erhältlich.
Falk Richter lebt in Berlin und zählt zu den erfolgreichsten deutschen Dramatikern und Theaterregisseuren.
Weitere Informationen zu Falk Richter: www.falkrichter.com und www.fischertheater.de





 
 
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