Tokyo Opera Nomori, Premiere: 13. April 2008
Koproduktion mit der Wiener Staatsoper, Premiere Wien 2009
Peter I. Tschaikowky bezeichnet Eugen Onegin nicht als „Oper“, sondern als Folge von „Lyrischen Szenen“. Und als solche stellt sich das Werk auf den ersten Blick auch dar. Wie in einem Bilderbuch wird uns ein Russland vergangener Tage vor Augen geführt. Tschaikowky zeigt uns Stereotypen: Großgrundbesitzer und Leibeigene, Landbewohner und Stadtmenschen, Träumer und Realisten. Von der ironischen Distanz, die für Puschkins Vorlage zu seiner Oper typisch ist, will der Komponist nichts wissen: Tatjana und Onegin, Lenski und Olga, Larina, Gremin, ja sogar der musikalisch als Karikatur gezeichnete Triquet werden bei ihm zu den Protagonisten eines seelischen Dramas, das sich überall auf der Welt abspielen könnte.
Die Emotionen von Tschaikowskys Figuren liegen wie unter einer Eisdecke begraben. Die ältere Generation musste sich schon früh mit ihrem Leben arrangieren, hatte keine Gelegenheit, über Gefühle nachzudenken. Liebe war ein Luxus, den sich insbesondere Frauen bei der Wahl ihres Partners nicht leisten konnten. Anders sieht es die junge Tatjana: Sie glaubt an die Liebe, von denen sie in Büchern gelesen hat. Auf der Suche nach einer echten emotionalen Beziehung mit einem ihr seelenverwandten Mann flüchtet sie sich in eine Traumwelt, ohne jedoch den Bezug zur Realität zu verlieren. Man kann sich Tatjana als Schriftstellerin vorstellen, die einen Partner sucht, mit dem sie ein anderes, intensiveres Leben führen kann – alles, nur keine konventionelle, ermüdende Ehe.
Durch Tatjanas Augen sehen wir dieses Stück. Sie nimmt ihre Umwelt als kalt und eingefroren wahr. Darum bricht es wie ein Leuchtfeuer aus ihr heraus, als sie Onegin begegnet – dem ersten Menschen, der ihr neue Welten zu eröffnen scheint, dessen Lebenshunger ihr einen Ausweg aus ihrem kaltgestellten Gefühlsleben verspricht. Doch die Maßlosigkeit, mit der Onegin nach immer neuen Abenteuern sucht – und an der er letztlich scheitern wird – stellt keine Grundlage für eine gemeinsame Zukunft dar. Die Ehe mit einem anderen Mann wird für Tatjana zu einem Ausweg, hinter dessen kalten Konventionen ihr inneres Feuer umso heller leuchtet.
Die Welt, die wir durch Tatjanas Augen sehen, ist keine reale. Ihre Gefühlswelten, ihre Fantasiebilder, ihre Hoffnungen verschwimmen zu einer anderen Wirklichkeit, einer inneren Eislandschaft. Zu dieser steht Tschaikowskys emotional aufgeladene Musik in keinem Widerspruch: Unterdrückte Sehnsüchte und Ängste, die Kälte gesellschaftlicher Normen und das Nicht-Leben-Können eines erträumten Glücks bilden die Impulse für die Musik eines Komponisten, der wie seine weibliche Hauptfigur Tatjana die Liebe, die er leben wollte im Russland des 19. Jahrhunderts nicht leben konnte.
Bei den Überlegungen zu meiner Inszenierung hat mich vor allem die zeitlose Geschichte der jungen Protagonisten interessiert, die alle an der Schwelle zwischen Jung-Sein und Erwachsenwerden stehen und versuchen, sich in ihrem Leben zurecht zu finden, alle sehr leidenschaftlich nach Liebe oder Abenteuer suchen, mit einander in Konflikte geraten, nicht zu einander kommen, sich im Duell bekriegen, weil sich die Gefühle, die sie füreinander empfinden, in keine konventionelle Form bringen lassen. Dass die Geschichte in Russland spielt, ist für mich dabei zweitrangig, sie könnte in Tokio, Wien oder Berlin spielen – es geht um lebenshungrige Menschen, die nicht zueinander kommen und einem modernen Großstadtpartymenschen wie Onegin, der nur dem Hedonismus fröhnt, sich auf nichts festlegen will, von Event zu Event eilt, nicht erwachsen werden will, zu keiner Beziehung ja sagen kann, sondern sich alle Optionen offen halten will und dabei die Liebe seines Lebens an sich vorüberziehen lässt und am Ende einsam und leer, ohne Sinn, und Freunde, ohne ein substantielles Leben zurückbleibt. Wann ist die Jugend vorbei? Wann entscheide ich mich für einen Menschen? Was mache ich, wenn ich meinen besten Freund mehr liebe, als die gesellschaftliche Norm es zulässt? Was tun, wenn ich überhaupt nichts mehr fühle und mich ständig ablenken muss, von einer Party zur nächsten Party jage, und erst, wenn es zu spät ist, erkenne, dass mein ganzes Leben an mir vorbeigerauscht ist? All dies sind die Fragen in Tschaikowskys Onegin.
Falk Richter
Berlin, Februar 2008
Falk Richter inszenierte Tschaikowskys Oper an der Opera Tokyo Nomori und an der Wiener Staatsoper (Dirigent: Seiji Ozawa), wo sie bis 2019 unter anderem mit Anna Netrebko in der Rolle der Tatjana zu sehen war.
Regie // Falk Richter
Dirigent // Louis Langrée
Bühne // Katrin Hoffmann
Kostüme // Martin Kraemer
Choreographie // Johanna Dudley
Licht // Carsten Sander
Mit // Olga Guryakova, Markus Eiche, Pavol Breslik, Ain Anger, Nadia Krasteva, Monika Bohinec, Aura Twarowska, Marcus Pelz, Norbert Ernst, Oleg Zalytskiy
